Geologische Blätter für NordostbayernGeoZentrum NordbayernDas "Doggerwerk" bei Happurg (Nürnberger Land)

Zur Geschichte und Geologie einer unterirdischen Rüstungsfabrik

von Alfons BAIER und Dieter FREITAG

 

Kurzfassung von: BAIER, A. & FREITAG, D. (1996): Das Doggerwerk bei Happurg (Nürnberger Land) -- Zur Geschichte und Geologie einer unterirdischen Rüstungsfabrik.- Geol. Bl. NO-Bayern 46, 3/4: 145-174, 4 Abb., 5 Taf., Erlangen 1996.


Zu den bedeutendsten Bauwerken des Kartenblattes Nr. 6534 Happurg der TK 25 zählt -- neben dem in den Jahren 1956 bis 1958 gebauten Pumpspeicherwerk am Deckersberg -- das von Mai 1944 bis April 1945 im Bergstock der Houbirg angelegte Stollensystem des sog. Blockbild des DoggerwerkesDoggerwerkes. Während über das Pumpspeicherwerk bereits zahlreiche geologische und ingenieurgeologische Veröffentlichungen vorliegen (BIRZER 1964, BRETH 1958, ZEISS 1957), wurde das "Doggerwerk" bisher in der Fachliteratur nur ansatzweise erwähnt. Das mag einerseits darin begründet sein, daß dieses weitverzweigte Stollensystem in den letzten beiden Kriegsjahren unter rücksichtslosem Einsatz von Zwangsarbeitern gebaut wurde und somit gewisse Vorbehalte gegenüber der Betrachtung des Bauwerkes bestehen. Andererseits gestalten sich Recherchen über das "Doggerwerk" als äußerst schwierig, da die meisten offiziellen Aktenunterlagen über das "Bauvorhaben Dogger" durch Kriegseinwirkungen vernichtet wurden. Da die Bevölkerung weder während der Bauperiode noch in der Nachkriegszeit über das Bauvorhaben informiert worden war, kursieren selbst heute noch teils phantastische Gerüchte über das -- seit Jahrzehnten verschlossene -- "Doggerwerk". Im Rahmen dieser Arbeit wurde der Versuch gemacht, die geschichtlichen Hintergründe und die geologischen Gegebenheiten dieses unterirdischen Rüstungsprojektes zu beleuchten, wobei auch die damaligen Planungs- und Bauabläufe möglichst detailliert dargestellt wurden.

Die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges waren in Deutschland gekennzeichnet durch alliierte Luftangriffe auf Fabrikanlagen und Wohngebiete. Zu Beginn des Jahres 1944 waren die deutschen Flugzeugwerke im zunehmenden Maße das Ziel alliierter Bombardierungen geworden. Der für das Frühjahr 1944 zu erwartende starke Rückgang in der Fertigung von Militärflugzeugen sollte demzufolge durch wirksame Maßnahmen aufgefangen werden. Um die für die Kriegsführung notwendige Rüstungsproduktion aufrecht zu erhalten und sogar steigern zu können, mußte die Verlagerung von kriegswichtigen Betrieben in bombensichere Räume erfolgen.

unterirdische RüstungsfabrikDie neu zu erschließenden Produktionsstätten und deren Dislozierung unterlagen von Beginn an der Geheimhaltung. Es wurden Bezeichnungen wie "Südwerk", "Ostwerk", "Mittelwerk" oder "Doggerwerk" entsprechend der Lage dieser Werke im Deutschen Reich eingeführt. Diese Tarnnamen deuten bereits darauf hin, daß das komplizierte Zusammenwirken aller am Bau beteiligten Personen und Ämter unter strengster Geheimhaltung ablief.

Um die geplanten bombensichere Fertigungsstätten u.a. für Luftwaffen- Jagdflugzeugmotoren einrichten zu können, wurde am 1. März 1944 -- nach einem Übereinkommen zwischen dem Reichsrüstungsministerium und dem Reichsluftfahrtministerium -- ein sog. Jägerstab eingesetzt. Dieser Jägerstab sollte im Rahmen des Programms Nr. 225 des Luftwaffenstabes seine Aufgabe in der Förderung der Produktion von Jagdflugzeugen sehen.

Im Frühjahr 1944 wurde so der Betriebsführung der Bayerischen Motorenwerke München (BMW) befohlen, die Fertigung der Flugzeugmotoren "BMW 801" vom Werk II (Allach b. München) in den Bergstock der Houbirg zu verlagern. Die "BMW-Verlagerung Hersbruck" bekam die Objekt-Nummer "B 521" und -- zunächst -- den Tarnnamen "Esche l" zugeteilt. Dieser Deckname wurde im Januar 1945 in "Dogger" umgewandelt. Die Bausumme für 1944 wurde mit 15 Mio. Reichsmark angesetzt.

Flugzeugmotor BMW 801Zur Klärung der Frage, weshalb nun die Verlagerung der "BMW-801"-Produktion von derart immenser Bedeutung war, ist ein kurzer historischer Exkurs in die Rüstungstechnologie nötig: Der Flugzeugmotor "BMW 801" war eine völligeJagdflugzeug FW 190 Neukonstruktion und sollte als Einheitstriebwerk in der damaligen deutschen Luftwaffe Verwendung finden. Er wurde als luftgekühlter Vierzehnzylinder-Sternmotor mit Einspritzung entwickelt; zur Leistungssteigerung bzw. zum Leistungserhalt in größeren Flughöhen war dieser Motor mit einer Aufladung durch ein mechanisch von der Kurbelwelle angetriebenes Ladegebläse versehen. Bei den zahlreich gebauten Versionen bewegten sich die Startleistungen zwischen 1600 PS (Grundversion "BMW 801 A") und 2270 PS (Version "BMW 801 TQ" mit Abgas-Turbolader und Wasser-Methanol- Einspritzung). Der Einheitsmotor "BMW 801" fand in 16 verschiedenen Flugzeugtypen der ehemaligen deutschen Luftwaffe Verwendung, so z.B. im Jagdflugzeug Focke Wulf Fw 190. Dieser Motortyp war darüber hinaus für weitere 23 geplante, teilweise futuristisch anmutende Flugzeugentwicklungen vorgesehen.

Das Doggerwerk war konzipiert als ein Gitternetz von bis zu 7 m breiten und 5 m hohen Längs- und Querstollen. Hiervon wurden bis zur Einstellung der Bauarbeiten im April 1945 drei Längsstollen mit Gesamtlängen zwischen 270 m und 400 m in den Berg getrieben, welche jedoch nur zum Teil ausbetoniert sind.

fertig ausgebauter QuerstollenDie -- teilweise fertig ausgebauten -- Querstollen verbanden alle 20 m die Längsstollen miteinander. Für das "Doggerwerk" waren insgesamt 11 Eingänge geplant, wobei vier große Stollenausgänge für den Kraftwagenverkehr und eine große Ausfahrt für eine Originalplan des Doggerwerkeszweispurige Eisenbahnlinie vorgesehen waren. Im unterirdischen Stollensystem waren ursprünglich 180.000 m2 Fertigungsfläche geplant, die im Laufe der weiteren Bauausführung auf 95.000 m2 reduziert wurden. Bis Kriegsende wurden 4,2 % dieser Fläche ausgebrochen und ausbetoniert, weitere 10,6 % wurden angefahren, jedoch nicht mehr ausbetoniert. Somit beinhaltet das heutige "Doggerwerk" 3.935 m2 Stollenfläche mit Betongewölben und weitere 10.000 m2 Stollenfläche ohne Betonausbau. Die bis 1945 fertiggestellten Stollen umfassen also nur 15 % der ursprünglich geplanten Anlage. Insgesamt wurden für den Stollenbau bis Kriegsende etwa 550.000 m3 Doggersandstein aus dem Berg gebrochen.

nicht fertig gestellter Stollenausbau ehem. Holzverbau in der Stollenfirste Deckenfirstausbau

Der Bergstock der Houbirg wird von den Schichten des Dogger alpha bis Malm delta aufgebaut. Die Schichten streichen rheinisch und weisen sanftes Einfallen (etwa 1° bis 2,5°) nach Ostsüdosten auf. Auf der Albhochfläche und am Albtrauf treten geringmächtige kretazische Verwitterungslehme und quartärer Solifluktionsschutt auf.

Stratigraphie der HoubirgIm Gebiet der Fränkischen Alb bestehen mehrere hydrologisch voneinander unabhängige Grundwasserleiter. Vom Liegenden zum Hangenden sind dies‘ der Burgsandstein, der Rhätsandstein, der Doggersandstein, der Malmkarst sowie die quartären Talfüllungen. Das für den Bau des Doggerwerkes relevante Grundwasserstockwerk des Doggersandsteins ist ein ergiebiger Aquifer, aus dem zahlreiche perennierende Quellen entspringen. Der unterlagernde Opalinuston (Dogger alpha) wirkt in seiner Gesamtmächtigkeit wasserundurchlässig und stellt die Sohle des Dogger-Aquifers dar. Grundwasserleitend sind die gebankten und meist gut geklüfteten Eisensandsteine des Dogger beta. Der im oberen Teil des Doggersandsteins anstehende Disciteston wirkt als Aquiclude. Die darüber folgenden Sandsteine des obersten Dogger beta sowie die Oolithkalke und Mergelkalke des Dogger gamma bis epsilon besitzen ebenfalls grundwassserleitende Eigenschaften; sie werden - obwohl durch den Disciteston vom unteren Doggersandstein getrennt - formal noch zum Dogger-Aquifer gezählt. Zumindestens an der Houbirg können jedoch zwei Grundwasserstockwerke innerhalb des Dogger beta beobachtet werden. Der Ornatenton des Dogger zeta bildet zusammen mit den Kalkmergeln des Malm alpha eine Aquiclude, die den Dogger-Grundwasserleiter vom überlagernden Malm-Karstaquifer hydrologisch trennt.

drohender Deckenverbruch in einem nicht ausgebauten StollenUntertagebauwerke wie das "Doggerwerk" zählen mit zu den schwierigsten ingenieurgeologischen Aufgaben. Dies' liegt darin begründet, daß der Baustoff "Gebirge" in der Regel unveränderlich vorgegeben ist und nie ungestört vorliegt, sondern stets über die Bruchgrenze hinaus tektonisch beansprucht worden ist. Hierdurch entstehen Trennflächengefüge, welche die Gebirgsfestigkeit wesentlich herabsetzen und darüber hinaus als Wasserwege in Erscheinung treten können. Die Wasserbewegung erfolgt hauptsächlich auf bevorzugten Wegen wie Kluftkreuzungen sowie in Störungszonen, wobei hier erhebliche Wassermengen auftreten können.

Die feinkörnigen Doggersandsteine bilden zwar i.a. einen tragfähigen Baugrund; sie sind an der Houbirg jedoch oft bis in größere Teufe mürb und zerfallen beim Ab- und Einbau weitgehend zu Feinsand. Besondere bautechnische Aufmerksamkeit erfordern die den Sandsteinen zwischengeschalteten Tonlagen.

Bei der geologischen Projektierung wurde das Auffahren des "Dogger-Stollensystems" bewußt in den Felssandstein-Horizont gelegt. Hierfür war geol. Profil der Houbirgzum einen die etwa 14 Meter mächtige, massige und tonarme Sandsteinfolge entscheidend, welche eine hinreichend gute Standfestigkeit versprach. Zum anderen ließen die Aquicluden des Discites-und Ornatentonhorizontes im Hangenden und der vertikale Abstand von über 30 m zur Opalinuston-Aquiclude im Liegenden ein nur geringes Auftreten von Bergwasser im Felssandstein erwarten.

"Glockenbildung"Bezüglich der Standfestigkeit können die Doggersandsteine als "fest und spröde" bezeichnet werden. Erst bei kalkiger oder toniger Matrix ergibt sich eine etwas zähere, durch eine gewisse Elastizität charakterisierte Beschaffenheit des Gesteins. Die Sandsteine des "Felssandstein-Horizontes" neigen beim Auffahren von unterirdischen Hohlräumen zur Glockenbildung: Durch ruckweises Nachbrechen einzelner Gesteinsstufen bilden sich schließlich größere Hohlräume mit gewölbten Begrenzungsflächen, die sog. Glocken. Entsprechend dem ruckweise eintretenden Nachbruch verläuft die "Glockenbildung" bei Sandsteinen gewaltsam: Das Zerbrechen der durch den Gebirgsdruck sehr stark gespannten hangenden Sandsteinschicht kann "explosionsartig" erfolgen (Diese Erscheinungen werden als "Bergschüsse" bezeichnet).

Die Bruchvorgänge werden v.a. durch die Art der Schichtung beeinflußt: Das anstehende Gestein wird in eine umso größere Anzahl von Stufen zerlegt werden, je geringmächtiger die einzelnen Schichten sind. Bei den dickbankigen "Felssandsteinen" erfolgt das Nachbrechen erst nach längerer Standzeit, jedoch mit großer Gewalt, während bei geringmächtigen Sandsteinbänken ihr Nachbrechen früher und mit weniger heftigen Begleiterscheinungen stattfindet. Durch den "Dogger"-Stollenbau wurden in der Houbirg Spannungsumlagerungen ausgelöst, welche v.a. in den nicht ausgebauten Strecken dieses Tunnelsystems eine Auflockerung des Gesteinsverbandes verursachten. Hieraus resultiert in den nicht oder nur teilweise ausgebauten Strecken des Doggerwerkes ein zunehmender Verbruch der Firstbereiche und Stollenwände, so daß nunmehr einige der Stollen nicht mehr befahrbar sind.

nicht fertig ausgehauener Stollen

Heute weisen nur noch wenige Spuren darauf hin, daß vor etwa fünfzig Jahren in der Houbirg an einer unterirdischen Rüstungsfabrik gebaut wurde. Die Stolleneingänge wurden in den ersten Nachkriegsjahren vermauert. Nur im nordwestlichsten Stollenmundloch wurde ein Zugang freigehalten, welcher durch eine massive Tresortür gesichert ist.

ehem. Stolleneingang ehem. Stolleneingang ehem. Stolleneingang
Reste der Materialseilbahn an der Hunnenschlucht. aufgelassene Bahnstrecke Pommelsbrunn - Houbirg

Die zubetonierten Stolleneingänge, einige Betonbehälter, die Überreste von Lastenaufzügen, ein aufgelassener Bahndamm vom Bahnhof Pommelsbrunn zum Nordwesthang der Houbirg sowie zwei Denkmäler für die KZ-Opfer stellen heute die einzigen für die Öffentlichkeit zugänglichen Zeugnisse jenes gigantomanen Bauunternehmens dar. Die Stollenanlage selbst befindet sich im gleichen Zustand wie 1945, ist jedoch aufgrund zunehmender Einsturzgefahr für die Öffentlichkeit gesperrt.

heutiger Eingang zum Doggerwerk

Berichterstattung Nürnberger Nachrichten 24./25.04.2004


Literaturverzeichnis:

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BRETH, H. (1958): Die erdbaumechanischen und erdbautechnischen Untersuchungen für das Pumpspeicherwerk Happurg.- Bautechnik 35, 6: 228-231, Berlin 1958.

HÄUSSLER, H. (1986): Beispiele wehrgeologischer Aufgaben im 2. Weltkrieg.- Mittl. Ges. Geol. Bergbaustud. Österr. 32: 125-136, Wien 1986.

HEISE, F. & HERBST, F. (1919): Lehrbuch der Bergbaukunde.- 2. Aufl., 624 S.; Berlin (Springer).

HÖRAUF, H. (1959): Zur Stratigraphie und Paläogeographie des Doggersandsteins in der Fränkischen Alb.- Erl. geol. Abh. 30: 1-68, Erlangen 1959.

KAMM, W. & BRODE, K. (1944): Deutsche und ausländische Flugmotoren.- Z. VDI 88, 17/18: 213-228, Berlin (VDI-Verlag)1944.

MAIDL, B. (1994): Handbuch des Tunnel- und Stollenbaus I: Konstruktion und Verfahren.- 2. Aufl., 396 S., Essen (Glückauf) 1994.

PRINZ, H. (1982): Abriß der Ingenieurgeologie.- 419 S., Stuttgart 1982.

SCHMIDT-KALER, H. (1974): Geologische Karte von Bayern 1:25000, Erl. z. Blatt Nr. 6534 Happurg.- 79 S., München (Bayer. Geol. L.-Amt) 1974.

ZEISS, A. (1957): Das Profil vom Braunjura gamma bis Weißjura alpha 2 im Schacht 1 des Pumpspeicherwerkes Happurg südlich Hersbruck/Mfr.- Geol. Bl. NO-Bayern 7: 181-183, Erlangen 1957.


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