Die "Steinerne Rinne" am Berg südlich Erasbach/Opf.

Schlußbetrachtung


Bei Bachtuffen ist die Kalkfällung an den Stellen am stärksten, wo entweder das abströmende Karstwasser infolge hoher Fließgeschwindigkeiten und entsprechend hoher Verwirbelung große Mengen CO2 an die Atmosphäre abgibt sowie eine große Algen- und Moos-Population dem strömenden Wasser Kohlendioxid entzieht und durch seine hohe Evapotranspiration die Bachwassermenge beträchtlich reduziert. In der rechts angeführten Abbildung sind die Kalkvolumina der "Steinernen Rinne" in Kubikmeter Karbonat pro Meter Rinnenlänge (oben) und das Rinnengefälle (unten) aufgezeigt. Hieraus ist ersichtlich, daß der Kalktuffdamm in den Bereichen am stärksten ausgeprägt ist, in welchen auch hohe Gefälle des Baches vorliegen; in diesen Abschnitten ist die "Steinerne Rinne" auch vollkommen mit Moosrasen bewachsen.

Volumeninhalt u. Gefälle d. "Steinernen Rinne"

Die beide Faktoren des CO2-Entzugs und des Wasserverlustes infolge Evapotranspiration haben bei der Erasbacher Kalktuffrinne jeweils eine entscheidende Rolle gespielt. So wurde an dieser Lokalität in jüngerer geologischer Vergangenheit zunächst durch das ausströmende Karstquellwasser ein flächenhaftes Gehängetufflager geschaffen, in welchem durchaus fossile, heute nicht mehr nachweisbare "Steinerne Rinnen" eingeschlossen sein mögen. Die Überreste eines ehemaligen, nunmehr stark verfallenen Vorgängers der heutigen "Steinernen Rinne" sind ca. 15 m E´ des unteren Drittels des Kalktuffdammes als stark abgeflachte, lineare Erhebung im Waldboden zu beobachten.

Geologisch gesehen gehören Bachkalke und "Steinerne Rinnen" zu den jüngsten Gesteinen der Erde. Die Kalktuffrinne von Erasbach scheint in ihrer heutigen Form erst ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gebildet worden zu sein. In unmittelbarer Nähe der Rinne sowie unmittelbar am Kalkdamm selbst stehen einige Bäume bzw. Baumstümpfe, die von den Kalktuffbildungen eingeschlossen worden sind. Die Untersuchungen dieser Bäume mittels Zuwachsbohrer durch GLASSL & SCHIEBER (1990) ergaben Alter von 40 bis 120 Jahre. Weiterhin berichten diese beiden Autoren von Gesprächen mit Ortskundigen, die belegen, daß die heutige "Steinerne Rinne" vor dem Zweiten Weltkrieg noch nicht als Kalktuffdamm ausgebildet war.

Detail "Steinerne Rinne" 1981, 1991 u. 2002In der rechts gezeigten Phototafel sind drei Detailaufnahmen des jeweils gleichen Abschnitts der "Steinernen Rinne" beim Meßpunkt 11 (N´ des Waldweges) aus den Jahren 1981, 1991 und 2002 gegenübergestellt. Diese belegen, daß der Kalktuffdamm Ende der Siebziger Jahre noch nicht sehr ausgeprägt war und seine heutige prägnante Größe offenbar erst während der vergangenen 20 Jahre erlangte.

Das Ausmaß der Bachkalkfällung in der "Steinernen Rinne" mag die folgende Überschlagsberechnung verdeutlichen: Hierzu soll die im Juli 2002 beobachtete Schüttung der Karstquelle von 2,0 l/s als Jahresmittelwert angesetzt werden. Die Wasserführung des Baches verringert sich infolge Evapotranspiration und kapillaren Wasserentzug durch die Moose bis zum Rinnenende auf 0,2 l/s. Dieser Wasserverlust von 1,8 l/s soll zur Hälfte auf die Potentielle Evapotranspiration der als Phreatophyten wirkenden Moose (0,9 l/s) und zur anderen Hälfte (0,9 l/s) als kapillare Wegführung durch die Moosrasen und anschließender Versickerung in den -- die "Steinerne Rinne umgebenden -- Waldboden angesetzt werden (die letztgenannte Wassermenge mag zwar zur Kalkbildung in den benachbarten Böden beitragen, soll aber für die Berechnung der Bildung des Kalktuffdammes unberücksichtigt bleiben).

Der Ca-Gehalt des Bachwassers beträgt an der Quelle 190 mg/l (= 473,7 mg/l CaCO3) und verringert sich am Rinnenende auf 180 mg/l Ca (= 448,7 mg/l CaCO3).

Der Wasserverlust des Baches durch die Evapotranspiration der Moosrasen von 0,9 l bedingt somit während des Durchflusses durch die gesamte "Steinerne Rinne" eine durch Einengung erzwungene Karbonatausfällung von 426 mg CaCO3 pro Sekunde. Weiterhin hat die am Rinnenende verbliebene Schüttungsmenge von 0,2 l/s einen CaCO3-Verlust von 25 mg/l erfahren. Insgesamt beträgt somit die Kalkausfällung im Bereich der gesamten 138 m langen Rinne 431 mg CaCO3 pro Sekunde. Dieses Ausmaß der Kalkausfällung darf jedoch nur für Zeiträume mit warmer, trockener Witterung und ausreichender Sonneneinstrahlung gelten; während der Stunden mit hoher Luftfeuchtigkeit sowie generell in den Herbst- und Wintermonaten dürften im Bereich der Moosrasen überwiegend Kondensationsvorgänge oder nur sehr geringe Verdunstungs- und Photosyntheseleistungen vorliegen.

Der Rauminhalt der "Steinernen Rinne" beträgt im oberen S´ Teil 7,5 m³ und im unteren N´ Teil 22,4 m³. Bei einem beobachteten spezifischen Gewicht des Kalktuffes von 2,0 g/cm³ bedeutet dies, daß die insgesamt 29,9 m³ Rinnenvolumina 59.800 kg CaCO3 enthalten. Wenn nun die oben erwähnte Kalkfällung von 431 mg CaCO3 pro Sekunde lediglich in den sechs Sommermonaten und hier nur sechs Stunden pro Tag wirksam ist, ergibt dies eine Bildungsdauer des gesamten Kalktuffdammes von nur rund 35 Jahren. Diese Überschlagsberechnung mag ein Anhaltspunkt für die starken Lösungsvorgänge im Karstgebirge selbst sowie für die Wieder-Ausfällungsvorgänge im Karstvorland und somit für die quantitativ so bedeutsamen Massenumlagerungen infolge der Verkarstungsvorgänge sein.

 "Steinerne Rinne" 2002

Die Ausbildung des linearen Elements einer "Steinernen Rinne" ist nur bei einem glücklichen Zusammenspiel von Quellschüttungsmenge, hohen Kalkgehalt des Quellwassers, Sonneneinstrahlung, Morphologie und Vegetationsverhältnissen möglich. "Steinerne Rinnen" können sich nur in kalziumhydrogenkarbonatreichen Quellbächen des Seichten Karstes bei relativ großer Hangneigung und linearer Abflußrichtung sowie hierdurch bedingt entsprechend hohen Fließgeschwindigkeiten ausbilden. Bei zu großer Quellschüttung entsteht zunächst eine große Anzahl kleiner Rinnen, welche schnell zu einem großen flächigen Gehängetufflager mit Kaskadenbildungen zusammenwachsen.

Auch die durch Hochwald hervorgerufene Verminderung der Sonneneinstrahlung scheint eine wichtige Rolle zu spielen: Nur bei reduzierten bzw. ausgewogenen Beleuchtungsverhältnissen sind die Photosynthese-, Stoffwechsel- und Evapotranspirationsbedingungen für die Quell- und Bachmoose optimal gegeben, so daß diese beim Aufbau eines linearen Bachtuffdammes entscheidend mitwirken können. Schon die durch naturwissenschaftlich interessierte Naturfreunde und Touristen -- meist wohl ungewollt -- verursachten Beschädigungen der empfindlichen Moosrasen können den weiteren Aufbau einer "Steinernen Rinne" herabsetzen oder gänzlich verhindern.

 "Naturerlebnis" 2002

Schließlich ist noch die jahreszeitlich konstante Schüttung perrenierender Karstquellen von großer Bedeutung: Wird die Wasserzufuhr durch natürliche Gegebenheiten oder durch menschliche Einflußnahme stark vergrößert oder unterbrochen, unterliegt die Tuffrinne dem schnellen Verfall. Deshalb ist es von großer Bedeutung, diese seltenen "geomorphologischen Launen der Natur" mit Sorgfalt zu behandeln und vor Zerstörung zu bewahren.

Der Verfasser bedankt sich herzlich bei Herrn Regierungsamtmann Josef Piehler und bei Herrn Christian Wolf vom Bayerischen Forstamt Neumarkt/Opf. für ihre tatkräftige Unterstützung und wertvollen Hinweise sowie bei Herrn Dipl.-Biol. Johannes Fritscher (GFS München) für die Artenbestimmung der Bachmoose.


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* last Update: Dienstag, 24. Februar 2009 00:14