Die Houbirg bei Happurg (Nürnberger Land)

von Alfons Baier

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Der Bergstock der Houbirg bei Happurg liegt -- etwa 30 km östlich von Nürnberg -- am Westrand der Mittleren Frankenalb. Im unmittelbar nördlich gelegenen Tal fließen der Högenbach und der Förrenbach der Pegnitz zu.

Der markante Berg ragt über die im Westen gelegenen sanften Hügel des Albvorlandes steil hinaus. Das Bergplateau der Houbirg weist beträchtliche Höhenunterschiede auf. Der tiefste Punkt befindet sich im Bereich des westlichen Haupttores auf 486 m NN; der höchste Punkt liegt im Südosten der Befestigung auf 617 m NN. Die Hochebene gleicht einer halbkreisförmigen, nach Westen abfallenden Mulde, die vom Vorderen und vom Hinteren Bocksberg im Norden sowie von der "Hart" im Südosten eingerahmt wird.

Die verkehrpolitisch und strategisch günstige Lage der Houbirg bedingte, daß bereits von der mittleren Bronzezeit (ca. 1600 v. Chr.) die Hochfläche des Berges besiedelt und ab der Urnenfelderzeit (ca. 900 v. Chr.) auch befestigt wurde. Vor allem in der Hallstattzeit (ca. 500 v. Chr.) wurde auf dem Berg eine -- noch heute beeindruckende -- Befestigungsanlage gebaut; in dieser Zeit war die Houbirg einer der zentralen Mittelpunkte eines großen keltischen Siedlungsraumes. Die große Höhensiedlung wurde ab etwa 330 v. Chr. (offenbar im Zuge der historisch überlieferten Keltenwanderungen) wieder verlassen. In der Spätlatenezeit (ca. 100 v. Chr.) erlangte die Houbirg -- im Gegensatz zu benachbarten Höhenburgen wie dem Staffelstein -- nicht mehr ihre frühere Bedeutung. Erst in der Zeit zwischen 300 bis 400 n. Chr. erfuhr dieser Platz wieder eine (?) dauerhafte Besiedelung durch die Germanen; unklar ist bisher jedoch, ob der Berg eine der germanischen Höhenburgen trug. In jüngster Vergangenheit (1944 bis 1945) wurde aus wehrtechnischen Gründen versucht, eine unterirdische Rüstungsfabrik -- das "Doggerwerk" -- in diesem Bergstock zu errichten.

Die Befestigungsanlage auf der Houbirg zählt nach dem heutigen Wissensstand zu den bedeutensten vor- und frühgeschichtlichen Höhensiedlungen Deutschlands. Die etwa 4,5 km lange ehem. Mauer umschließt eine 88,3 ha große Innenfläche, welche in ihrer Größe der Altstadt von Nürnberg entspricht. Der heutige Zugang über die kleine Straße am Steinbruch am Westhang ist der bequemste Weg, die Befestigung zu erreichen und führt zugleich zum ehemaligen Haupttor, das sich hier befand. Zwei weitere kleinere Tore mit leicht überlappenden Torwangen scheinen sich im Norden und auf der Südwestseite befunden zu haben.

Der Wall ist als Rest der ehemaligen Ringmauer vor allem im nördlichen und östlichen Abschnitt sehr imposant, denn er mißt dort stellenweise 17 Meter in der Breite und oft mehr als sechs Meter in der Höhe. Der vorgelagerte Graben entlang der Ostflanke und seine Lage direkt an der Hangkante verstärken zudem den Eindruck der Höhe, auch wenn die Mauer wegen des Steilhanges, wie auf der Nordseite, gar nicht so mächtig sein mußte.

Die Befestigungsanlagen auf der Houbirg entstanden nach heutigen Kenntnisstand zweiphasig: Einer älteren urnenfelderzeitlichen Bauphase folgte in der Späthallstatt- und Frühlatenezeit eine zweite, stärkere Umwehrung.

Während der Jungsteinzeit ist zwar menschliche Anwesenheit belegt, aber eine dauerhafte Besiedlung noch nicht nachzuweisen. Erst in der Hügelgräber-Bronzezeit und den folgenden Perioden fand dann wohl die erste Besiedlung der Houbirg statt. Diese Niederlassung waren aber eher kleinräumig, wohingegen die Siedeltätigkeit während der Urnenfelderkultur weitaus umfangreicher gewesen sein muß. Man fand Zeugnisse der Bronzeverarbeitung, und der Ursprung zumindest der östlichen Mauer liegt in diesem Zeitabschnitt. Noch ist die genaue Architektur dieser Befestigung ohne Holzverstärkung nicht erforscht, aber wenn dieser frühe Wall schon die gesamte Hochfläche umfaßt hat, dann war dies die größte Wehranlage der Urnenfelderzeit in Süddeutschland.

Die Bronzezeit stellt die früheste auf der Houbirg sicher nachweisbare Siedlungsperiode dar: In der Mittleren und späten Bronzezeit (15.-13. Jahrh. v. Chr.) scheinen auf dem Berg zwei noch unbefestigte Siedlungen bestanden zu haben. Ab der späten Urnenfelderzeit (9./8. Jahrh. v. Chr.) erfolgte auf der Houbirg eine ausgedehnte Besiedlung mit einer ersten mauerartigen Umwehrung; mit einer Innenfläche von 88 ha übertrifft die urnenfelderzeitliche Höhensiedlung auf der Houbirg die meisten anderen zeitgleichen Ringwallanlagen Süddeutschlands beträchtlich. Bemerkenswert erscheint, daß aus dieser Zeitspanne Bronzewerkstätten auf der Houbirg nachgewiesen sind.

Die Späthallstatt- und Frühlatenezeit stellt auf der Houbirg den Höhepunkt der vorgeschichtlichen Siedlungs- und Befestigungsphase dar. In dieser Zeitspanne wurde die ältere, urnenfelderzeitliche Befestigung stark ausgebaut. Auf der Houbirg sind neben umfangreichen frühlatenezeitlichen Keramikscherben und Bronzefibeln vor allem zahlreiche Funde der sog. Augenperlen erwähnenswert: Diese handwerklich und künstlerisch anspruchsvollen Glasperlen wurden von den Menschen jener Tage als Amulette getragen. Zahlreiche Funde dieser -- für die damalige Zeit -- sicherlich wertvollen Stücke auf dem "Perlenacker" der Houbirg könnten auf ein kriegerisches Ende der frühlatenezeitlichen Siedlung und Befestigung hindeuten. Neben sehr feiner, qualitativ hochwertiger Keramik kommen auch Spuren von Eisenerzeugung und -verarbeitung auf der Houbirg vor. Hieraus ergibt sich das Bild einer bedeutenden Dauersiedlung von lokaler, ja sogar überregionaler Bedeutung, zumal damals auch die Befestigungsanlage erneuert wurde. Damit konnte von dieser großen Burganlage aus nicht nur das Umland, sondern auch der Fernhandel kontrolliert werden.

Aus der Spätlatenezeit, der Epoche der Oppida, treten auf der Houbirg Funde nur relativ spärlich auf. Während frühlatenezeitliche Funde von sämtlichen Plätzen der Houbirg bekannt sind, konzentrieren sich spätlatenezeitliche Zeugnisse (v.a. Keramikbruchstücke) auf verhältnismäßig wenige Plätze des Hochplateaus: Hier sind besonders die Flurstücke "Karwinkel" und "Kühruh" sowie die westliche Torgasse zu nennen. Es ist anzunehmen, daß die Houbirg -- entgegen früherer Auffassungen -- kein spätlatenezeitliches Oppidum darstellte. Eine umfangreiche Besiedelung des Hochplateaus wie in der Frühlatenezeit erfolgte in dieser Epoche wahrscheinlich nicht; die Menschen zogen sich zu diesem Zeitpunkt wohl nur in den Schutz der vorhandenen Wallanlagen zurück. Ob und in welchem Umfang zu dieser Zeit die Befestigungsmauern wieder hergestellt wurden, ließe sich nur durch umfangreiche Grabungen bestimmen.

Um 400 n. Chr. erfolgte eine germanische Wiederbesiedlung des Bergplateaus. Zu den wenigen Funden aus dieser Epoche zählen einige Glasperlen sowie ein kleiner Bronzebeschlag einer spätrömischen Gürtelgarnitur aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts. Nach einer erneuten Verödung des Houbirg-Plateaus weisen nur wenige Funde aus dem frühen Mittelalter (6./7. Jahrh. n. Chr.) auf eine erneute Begehung des Berges hin.

Ungeklärt blieb bisher die Frage, ob im WSW´ Bereich der Houbirg (in der Flur "Am Schloßberg" im sog. Karwinkel) im Mittelalter eine Burg bestand. Im 19. Jahrhundert sollen an dieser Stelle noch Ziegel- und Bausteine beobachtet worden sein; weiterhin wurden an diesem vermutlichen Burgstall Oberflächenfunde wie Sporen, Pfeilspitzen und Hufeisen aufgelesen.

Von der vorgeschichtlichen, befestigten Höhensiedlung erhielten der Berg und die heutige Ortschaft "Happurg" ihre Namen: Das im Namen "Houbirg" steckende Grundwort "Bürg" oder "Birg" ist ethymologisch mit "bergen" = "sich auf den Berg zur Verteidigung zurückziehen" verwandt. Mit diesem Wort bezeichnete man in frühgeschichtlicher Zeit die damals bereits als sehr alt erkannten und wohl bereits verfallenen Befestigungsanlagen. Die Benennungen "Ehrenbürg", "Leinbürg", "Leyerbürg", "Sulzbürg" und "Gelbe Bürg" zeigen heute noch diese erste sprachliche Differenzierung. Das volksethymologisch verfremdete Bestimmungswort "Hou" ist mit dem mittelhochdeutschen Wort "Hag" (Genitiv "Hages") verwandt und bedeutet "Dorngesträuch, Einfriedung, befestigter Platz". Das Wort lebt neben der Bezeichnung "Houbirg" auch in den alten Befestigungsnamen "Heuneburg" und "Heunischenburg" fort. Somit läßt sich der Name der Houbirg, bzw. von Happurg als Tautologie aus zwei sehr alten Bezeichnungen für "Befestigungsanlage" interpretieren.

Die Erbauer der vor- und frühgeschichtlichen Wehranlagen folgten stets festen Regeln für die technische Ausführung. So war das wesentliche Annäherungshindernis für die damaligen Feinde die heute zu einem Wall zusammengestürzte Mauer. In der Regel bestand sie aus einer Holzkonstruktion, die ein aus Steinen gepacktes und mit Erdreich gefülltes Mauerwerk zusammenhielt. An besonders gefährdeten flachen Hängen oder Hochflächen war die Mauer manchmal verdoppelt. Der immer an der Maueraußenseite angelegte Graben spielte zur Verteidigung nur eine untergeordnete Rolle. Am Osthang der Houbirg läßt er sich heute an der zur Hochfläche weisenden Seite noch als flache Mulde erfassen und läuft beiderseits an den Steilhängen aus.

Die einstigen Tore der vor- und frühgeschichtlichen Wehranlagen wurden oft im Bereich von Geländeböschungen und somit an von Natur aus schwerer zugänglichen Stellen angelegt. Ihre Lage zeigt sich heute meist durch zangenartiges Zurückbiegen der Wälle oder durch eine seitliche Versetzung der Wallenden. Gelegentlich bilden die sich seitlich überlappenden Wallenden -- wie am westlichen "Haupttor" der Houbirg -- eine Torgasse.

Die Grundrißgestaltung eines vor- und frühgeschichtlichen Wehrbaus war weitgehend durch die natürlichen Geländegegebenheiten bedingt. Die durch die Natur vorgegebenen Morphologie wurde für den Bau der Befestigungsanlagen bewußt ausgenutzt. So wurde bei der großen Befestigung auf der Houbirg die stark gefährdete, heute noch über 18 m hohe Ostmauer mit Wällen und Gräben gegen die übrige Hochfläche abgeschirmt. Die übrigen drei Seiten dieses Berges sind durch die Steilabfälle der Malmkalke natürlich geschützt, so daß es hier nur weniger starker Umwehrungen bedurfte.

Die Wasserversorgung der Houbirg erfolgte in den vorgeschichtlichen Kriegszeiten wohl aus drei Wasserstellen. So existierte bis in das 19. Jahrhundert im "Tiefen Graben" an der Westseite der Houbirg eine aus der Dogger-/Malm-Grenze entspringende Quelle (auf 465 m NN), welche erst rezent durch Abraum aus dem ehem. Steinbruch Kirschner zugeschüttet wurde; sie ist heute nur noch durch eine Feuchtstelle gekennzeichnet. Südlich des "Tiefen Grabens" entspringt am Südwesthang des "Karwinkels" eine weitere, aus dem gleichen stratigraphischen Niveau entstammende Quelle. Beide Quellaustritte lagen in Schußweite der vorgeschichtlichen Befestigungsmauer, so daß im Verteidigungsfall eine Frischwasserversorgung für die Bevölkerung der Houbirg möglich gewesen zu sein scheint.

Innerhalb der Befestigungsanlage -- unterhalb des Berggipfels in der Südostecke der Houbirg -- befindet sich die Wasserstelle der "Hüll"; sie stellt eine der auf der Albhochfläche häufig anzutreffende natürliche Wasseransammlung dar: Hier strömt in einer flachen Mulde das oberflächennahe Bodensickerwasser über den -- im Untergrund anstehenden -- wasserstauenden Alblehmen zusammen. Heute ist die Hüll auf der Houbirg weitgehend verrietet, führte aber -- trotz ihres kleinen Einzugsgebietes -- noch in den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts sogar in trockenen Sommern ausreichend Wasser. In vorgeschichtlicher Zeit konnte sie eine perrenierende Quelle ersetzen und bildete für den Südostteil der Befestigung eine zuverlässige Wasserstelle. In nächster Umgebung der Hüll wurde eine latenezeitliche Bronzefibel gefunden.

Literatur:

KOSCHIK, H. (1985): Die Houbirg im Nürnberger Land - Archäologische Forschungen in Vergangenheit und Gegenwart.- Schriftenr. Altnbg. Landsch. 32: 1-20, Abb., Beil., Nürnberg (Korn u. Berg) 1985.

RIECKHOFF-PAULI, S. (1980): Das Ende der keltischen Welt.- In: [SALZBURGER LANDESREGIERUNG] (1980): Die Kelten in Mitteleuropa: 37-47, Salzburg.

VOLLRATH, F. (1960): Die Houbirg.- Mittl. Altnbg. Landsch. 9, 12: 1-36; Nürnberg.

 

abaier@geol.uni-erlangen.de


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* last update: Montag, 02. Dezember 2002 15:25