GeoZentrum Nordbayern

 

3 Wasserbedarf und Brunnenbau auf (früh-) mittelalterlichen Burgen

 


Heute ist in Mitteleuropa die stetige Verfügbarkeit von Wasser, eine unabdingbare Lebensvoraussetzung für Menschen, Tiere und Pflanzen, selbstverständlich. Das Versiegen dieses existenziellen Rohstoffes bedingt bei Pflanzen und Tieren den Tod. Nur der Mensch ist dazu befähigt, im Rahmen der gegebenen hydrogeologischen Verhältnisse sich selbst neue Trink- und Brauchwasserspender zu erschließen (GLEUE 2008).

3.1 Historische Wassererschließung

Bei der Besiedelung von Mitteleuropa wurden zur Trinkwasserversorgung vor allem Quellen genutzt. Diese natürlichen Grundwasseraustritte sind jedoch häufig durch eine nur geringe und jahreszeitlich schwankende Schüttung charakterisiert. Hierauf weist auch die etymologische Bedeutung des Wortes “Quelle” hin, welche vom mhd. Verbum “quellen” und dem ahd. Verbum “quellan” als Bezeichnung für “träufelndes Wasser” hergeleitet wird (MACKENSEN 1985).

In Höhensiedlungen musste in Ermangelung von Quellaustritten häufig auf das Auffangen von Niederschlagswasser in Zisternen zurückgegriffen werden. Diese aus dem Mittelhochdeutschen übernommene Benennung für einen meist unterirdisch gelegenen, mit Steinplatten abgedeckten Wasserbehälter wird aus dem lat. Wort “cista” (= “Kiste”) hergeleitet (MACKENSEN 1985) und kennzeichnet die Urform einer künstlichen Wasserversorgung. Da bei dieser Art der Wassergewinnung mit den Niederschlägen auch Vogelkot, Laub und Staubpartikel eingetragen werden, erweisen sich die in den Sammelbehältern enthaltenen Wassermengen bis zum heutigen Tage meist als qualitativ minderwertig. Bei der Verwendung als Trinkwasser ergeben sich neben der relativ geringen Quantität oftmals massive hygienische Bedenken, und selbst bei der Verwendung als Brauchwasser muss mit Geruchsproblemen gerechnet werden, da die im Zisternenwasser enthaltenen Organika in Fäulnis übergehen können.

Um auch frisches und klares Grundwasser nutzen zu können, entwickelten die Menschen schon sehr früh die Brunnentechnik. Erst durch Auffindung und Nutzbarmachung dieser Wasserressource aus unterschiedlich tiefen, künstlich geschaffenen Entnahmestellen konnten stellenweise große Mengen gefördert werden. Diese günstigen Gegebenheiten spiegeln sich in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes “Brunnen” wider, das sowohl im mittelhochdeutschen Begriff “brun(ne)” als auch in der althochdeutschen Bezeichnung “brunno” mit dem Wort “brennen” verwandt ist und das “aufwallende [Wasser]” beschreibt (MACKENSEN 1985).

In Mitteleuropa wurden die ersten Brunnen in der Zeit um 5000 v. Chr. abgeteuft: So ist als eines der weltweit ältesten Holzbauwerke der Welt der Holzbrunnen aus einer bandkeramikzeitlichen Siedlung bei Kückhoven/NRW bekannt (WEINER 1995). Mit dem Fortschreiten der Brunnenbautechnik wurden die in Lockersedimenten gegrabenen oder in den anstehenden Fels vorgetriebenen Brunnenschächte oftmals nach unten hin verbreitert gemauert und weisen eine offene Sohle auf, über welche der Grundwasserzutritt erfolgt. Das in diesen Schachtbrunnen aufgeschlossene farb- und geruchlose Grundwasser ist während des Jahresverlaufes durch gleichbleibend kühle Temperaturen und angenehmen Geschmack charakterisiert; pathogene Keime sind aufgrund der Filterung während der Untergrundpassage in meist nur geringen Mengen enthalten. Die Wasserhebung erfolgt in der Regel durch Zieheimer.

Die Besiedlung der mitteleuropäischen Landschaft orientierte sich bevorzugt an den durch die Natur vorgegebenen Flussverläufen und den bereits verfügbaren oder erst urbar zu machenden Agrarflächen. Durch diese Vorgehensweise wurde es ermöglicht, eine ausreichende Wasserversorgung aus Fließgewässern oder über Grundwasserbrunnen, welche nur in die oberflächennahen Aquifere abgeteuft werden mussten, sicherzustellen. So bestanden in der mittelalterlichen Stadt Nürnberg 96 öffentliche Brunnen (TUCHER 1862) sowie rund 2000 bis 3000 private Brunnenschächte (HIRNER 1986), wobei die Tiefe dieser teils ausgemauerten, teils aus dem anstehenden Sandstein ausgebrochenen Brunnen meist zwischen 6 m und 15 m betrug.

Historischer Stich des mittelalterlichen Ziehbrunnens am Tiergärtnertor in der NW' Altstadt von Nürnberg. Der 1971 wieder aufgebaute mittelalterliche Ziehbrunnen am Tiergärtnertor in der NW' Altstadt von Nürnberg. Foto: Florian Elstner/Erlangen.
Der mittelalterliche Ziehbrunnen am Tiergärtnertor in der NW' Altstadt von Nürnberg mit geöffneter Schachtabdeckung. Foto: Florian Elstner/Erlangen. Blick in den rund 25 m tiefen Schacht des mittelalterlichen Ziehbrunnens am Tiergärtnertor in der NW' Altstadt von Nürnberg. Foto: Florian Elstner/Erlangen.

Der Bau von (früh-) mittelalterlichen Burganlagen erfolgte hingegen hauptsächlich auf Anhöhen, schroff abfallenden Felspartien oder hoch aufragenden Berggipfeln und somit in wasserwirtschaftlich äußerst ungünstiger Position: KRAHE (2008) konnte bei den über 4000 von ihm in Deutschland, in Südtirol, Böhmen und im Elsass untersuchten Burgen rund 70 % dem Typus der Höhenburg zuordnen. Bei diesem Burgentyp war die Grundrissgestaltung des Wehrbaus weitgehend durch die natürlichen Geländegegebenheiten vorgegeben, wobei die vorliegenden geomorphologischen Verhältnisse bewusst in die Grundrissgestaltung der Befestigungsanlagen einbezogen und die Berghänge als Annäherungshindernis ausgenutzt wurden.

Grundsätzlich wurden diese fortifikatorischen Anlagen als Mehrzweckbauten errichtet: Sie sollten einerseits den Herrschaftsanspruch ihrer Besitzer eindrucksvoll demonstrieren, waren andererseits aus strategischen Gründen bevorzugt an morphologisch exponierten oder unzugänglichen Stellen errichtet, so dass sich die tägliche Sicherstellung der standesgemäßen Grundbedürfnisse oft als sehr schwierig erwies. Vor allem die Problematik der Trink- und Brauchwasserversorgung tritt bei Höhenburgen besonders signifikant in Erscheinung: Eine stets ausreichende Verfügbarkeit von Wasser war eine elementare Voraussetzung für die Nutzung jeder Burganlage.

Insbesondere im Belagerungsfalle war es für die Burgbewohner überlebenswichtig, nicht unter Wassermangel zu leiden. Während sich die Vorräte an festen Nahrungsmitteln für Menschen und Tiere für längere Zeiträume einlagern ließen, war eine Burganlage ohne ausreichende Wasserversorgung nicht mehr als ein bewohnbarer Steinhaufen und somit lediglich eine eindrucksvolle Kulisse ohne praktischen Nutzen. Den Widerspruch zwischen der exponierten Lage der Burg und der Zugänglichkeit zu reinem Grundwasser galt es sowohl für den normalen Tagesablauf als auch im Hinblick auf den möglichen Verteidigungsfall aufzulösen, damit eine Höhenburg langfristig funktionsfähig bleiben konnte (GLEUE 2008).

Aus diesen Gründen war die Ausstattung der Burgen mit einem Ziehbrunnen die Regel. Der gesicherte Bezug möglichst reinen Grundwassers erschien so wertvoll, dass selbst bei auf hohen Felsen angelegten Burgen die ebenso mühevolle als kostspielige Herstellung eines mehrere hundert Fuß tiefen Brunnenschachtes bis auf einen ausreichend leistungsfähigen Grundwasserkörper hinab nicht gescheut wurde. So geht von einigen derart tiefen Brunnen die Überlieferung, dass dieselben ebensoviel gekostet haben wie der ganze übrige Burgbau (PIPER 1912).

In Friedenszeiten konnte auf Burgen der tägliche Wirtschaftsbetrieb mit einer relativ geringen Anzahl von Personen aufrechterhalten werden; hierbei erfolgte die Versorgung mit Trink- und Brauchwasser auch aus außerhalb der Befestigungsanlage gelegenen Quellen. Im Verteidigungsfall war die Besatzung jedoch von der Außenwelt abgeschnitten. Bei der Deckung des täglichen Trink-, Brauch- und auch Löschwasserbedarfs musste entweder auf – beispielsweise in Zisternen bereitgehaltene – Wasservorräte oder auf die autarke Versorgung aus natürlichen Quellen und aus künstlich aufgeschlossenen Grundwasserbrunnen zurückgegriffen werden. Hierbei stellte vor allem der hohe Wasserbedarf für das Nutzvieh und die Pferde berittener Einheiten ein schnell akut werdendes Problem dar (GLEUE 2008).

Bei der Quantifizierung des täglichen Wasserbedarfs auf einer Höhenburg wird häufig auf die Studie zur globalen Wasserbewirtschaftung von GLEICK (1999) verwiesen, in welcher die lokale Mindestwassermenge pro Person mit 5 L/d angegeben wird. Dieser Ansatz ist vergleichbar mit den Überschlagsberechnungen von MEYER (1979), welcher den Tagesbedarf einer mittleren Burg mit 50 L/d bis 150 L/d abschätzt, was einer Besatzung von 10 bis 30 Personen entsprechen würde. Diesen Betrachtungen liegen zugrunde die Beobachtungen an Bauernhöfen im schweizerischen Hochjura, deren Bewohner noch heute ihren Wasserbedarf aus Zisternen decken müssen, und deren Lebensgewohnheiten den Verhältnissen auf mittelalterlichen Burgen annähernd entsprechen. Wesentlich größere Wassermengen müssen jedoch für die tägliche Versorgung von Tieren veranschlagt werden: Eine Wasserration von 50 L/d ist jeweils für ein Pferd, für ein Rind oder für fünf Schweine anzusetzen (GLEUE 2008).

Das aus dem Brunnen einer Burg gewonnene Trinkwasser diente nicht der Bevorratung, sondern es wurde sofort verbraucht. Allerdings konnte allein mit Brunnen die Gesamtwasserversorgung einer Höhenburg nur für den Zeitraum von wenigen Tagen sichergestellt werden (GLEUE 2008). Wenn die Burganlage nicht zugleich der Hofhaltung diente, war die Besatzung in Friedenszeiten auf das für die Hausverwaltung notwendige Personal beschränkt. Die aus dem Brunnen gewonnene Wassermenge reichte hierbei für den Trinkwasserbedarf aus und das Brauchwasser konnte aus Zisternen gewonnen werden. Eine temporäre herrschaftliche Hofhaltung wie auf der Nürnberger Kaiserburg machte jedoch eine zusätzliche externe Trinkwasserversorgung notwendig.

3.2 Standortwahl für Burg und Brunnen

Die Bereitstellung ausreichender Wassermengen war eine elementare Frage, die sich bereits vor dem Baubeginn einer Höhenburg stellte; dieses Kriterium war wesentlich für die Auswahl des Standortes. Bezüglich der Baumaterialien stellte die Verwendung ortsüblicher Locker- und Festgesteine ein Grundprinzip des mittelalterlichen Bauwesens dar. Die Entscheidung, ob sich eine Anhöhe als Bauplatz für eine Burganlage eignete, war unter anderem abhängig von der ortsnahen Verfügbarkeit der erforderlichen Baustoffe: Werksteine konnten bereits beim Planieren des Bauplatzes gewonnen werden und Bauholz wurde aus den umliegenden Wäldern herangeschafft. Weiterhin wurden Kalk, Sand und große Mengen an Wasser benötigt. Diese Brauchwassermengen konnten entweder aus Quellen an den Hängen des späteren Burgberges gewonnen werden oder das Wasser wurde mit Hilfe von Eseln auf den Berg getragen und dort in großen Holzbottichen gesammelt.

Es musste bereits bei der Wahl des Bauplatzes die später notwendige Versorgung mit Trink- und Brauchwasser der Burgbewohner berücksichtigt werden (GLEUE 2008). In der Bauphase konnten noch Provisorien in Kauf genommen werden.

Die mittelalterliche Standortwahl für einen abzuteufenden Brunnen erfolgte bisweilen nach einem bei VITRUV (VIII, 1: 263, 1908) beschriebenen Verfahren: Man grabe ein Loch, das nach jeder Richtung fünf Fuß mißt, und setze in dasselbe um Sonnenuntergang einen bronzenen oder bleiernen Becher ... bedecke dann die Oberfläche der Grube mit Schilfrohr und schütte dies mit Erde zu; öffnet man am folgenden Tage die Grube wieder, so wird der Boden, wenn das Gefäß angelaufen ist und Tropfen enthält, Wasser bergen.”

Häufiger kam jedoch bei Standortauswahl für das “Brunnengraben” auf Höhenburgen eine sehr pragmatische, auf empirischen Erfahrungswerten beruhende Vorgehensweise zur Anwendung: Sofern irgendwo am Hang des Burgberges eine Quelle austrat, erleichterte dies die grundsätzliche Entscheidung, einen Brunnenschacht abzuteufen. Wo demzufolge in geringer Tiefe Grundwasser zu erwarten war, hatte man bereits in der Frühzeit des Burgenbaus Brunnen abgeteuft; die Mehrzahl dieser flachen, einfachen Brunnenanlagen ist heute verschüttet oder überbaut (GLEUE 2008).

Im Spätmittelalter wurden bisweilen auch – wie beispielsweise bei der Standortsuche nach dem im 16. Jhd. bis 92 m in das Karstgebirge abgeteuften Brunnen von Betzenstein/Ofr. – die Bemühungen eines Wünschelrutengängers in Anspruch genommen; die Tatsache, dass man diesen Sachverständigen in den jeweiligen Urkunden zunächst als “den Künstler im Brunnen- und Wassersuchen”, danach als “Wasserabenteurer” und schließlich als “Wasserteufel” bezeichnete, mag für die Qualität seiner Bemühungen stehen (KOLBMANN 1973).

Die in mittelalterlichen Burgen abgeteuften Grundwasserbrunnen zeigen bis auf wenige Ausnahmen ihren Charakter als Zweckbauwerke. So wurde als Standort innerhalb der Burganlage oftmals die Stelle ausgewählt, die für den späteren Betriebsablauf am zweckmäßigsten war. Bei vielen Höhenburgen zeigt sich ein funktionaler Zusammenhang zwischen dem Brunnenstandort und den als Küche benutzten Gebäuden (GLEUE 2008).

3.3 Mittelalterliche Brunnenbautechniken

Im Bauwesen hatten sich die Werkzeuge, die Materialien und die Technik ihrer Bearbeitung sowie die aus Holz gefertigten Bauhilfsmittel, die seit der Antike bekannt waren, auch mit dem Ende des Mittelalters praktisch nicht verändert. Die beim Bau angewandten Verfahren gehörten zu den streng gehüteten Berufsgeheimnissen der Bauhandwerker, die von den Meistern in den Bauhütten erarbeitet und auf regelmäßigen Versammlungen hinter verschlossenen Türen besprochen wurden. Die Ausbildung der Lehrlinge und Gesellen auf dem Bau erfolgte nach mündlicher, nicht nach schriftlicher Überlieferung (FITCHEN 1988).

Erst AGRICOLA (1556) verfasste einen detaillierten Überblick über die gesamte Bergbautechnik und das Hüttenwesen seiner Zeit. Über die Thematik des Schacht- und Brunnenbau wird hier berichtet, dass der Bergmann zunächst beginnt einen Schacht zu senken; über ihn errichtet er einen Haspel sowie eine Kaue, damit der Regen nicht in den Schacht eindringt ... Der Schacht wird saiger niedergebracht ... und mit einem einzigen Förderseil werden die Berge ... zu Tage gefördert ... Der Ausbau der Schächte erfolgt auf verschiedene Weise”, denn “Art und Umfang des Ausbaues werden durch die Beschaffenheit des Gebirges bestimmt.”

Die Technik, die beim Abteufen eines Brunnenschachtes zu Einsatz kam, richtete sich nach der Härte und der Beschaffenheit des anstehenden Gesteins. So wurden beim Brunnenbau auf Höhenburgen Bergleute, Steinbrecher und Maurer eingesetzt. Die Bergleute kamen bei dicht gelagertem Gestein zum Einsatz. Sie arbeiteten beim Schachtvortrieb meist kniend mit kurzstieligenWerkzeugen wie Fäustel und Bergeisen. Um allein im Brunnenschacht arbeiten zu können, war ein Durchmesser von rund 1,5 m erforderlich; waren zwei Bergleute gleichzeitig im Einsatz, vergrößerte sich n. GLEUE (2008) der erforderliche Schachtdurchmesser auf 1,8 m bis 2,0 m.

Bergmann mit Fäustel und Bergeisen beim Schachtvortrieb.

Die Steinbrecher konnten hingegen stehend mit langstieligen Werkzeugen wie der Keilhaue und Brechstangen arbeiten. Sie nutzen die vorhandenen Schichtflächen und Klüfte, stemmten Löcher und Spalten in das Gestein, um dann mit langen Brechstangen das Gefüge auseinander zu brechen. Somit mussten nur die Schachtränder nachgearbeitet werden, um einen kreisrunden Brunnenquerschnitt zu erzielen. Steinbrecher waren als Arbeitskräfte preiswerter als die oft hochspezialisierten Bergleute: Beim Auftreten stark klüftiger Gesteine erwies sich ihre Arbeitsweise als effektiver, da sie mehr Gestein brechen und fördern konnten und trotzdem schneller vorankamen. Die Aufgabe der Maurer bestand darin, die Schachtbereiche mit gebrächen Gesteinsabfolgen durch Ausmauerungen zu sichern und dauerhaft abzustützen. Hierzu wurden Steinformate verwendet, die – anders als bei der Aufmauerung eines kompletten Brunnenschachtes – von nur einer Arbeitskraft verbaut werden konnten (GLEUE 2008).

Die Arbeitsfortschritte beim Schachtabteufen wurden im Wesentlichen bestimmt durch die Härte des anstehenden Gesteins und seinen tektonisch bedingten Auflockerungsgrad. Nach GLEUE (2008) können aus den wenigen überlieferten Bauberichten durchschnittliche Ausschachtungsleistungen von 3 cm/d bis 10 cm/d abgeleitet werden. Bei einem im Mittelalter üblichen Jahres-Arbeitspensum von maximal 300 Arbeitstagen lassen sich Abteufraten von 9 m/a bis 30 m/a veranschlagen unter der Voraussetzung, dass keine unvorhergesehenen Arbeitsunterbrechungen durch Unfälle, Materialschäden, Geldmangel oder kriegerische Ereignisse auftraten. Nach diesen Überschlagsberechnungen ergibt sich für den rund 50 m tiefen Brunnen der Nürnberger Kaiserburg eine Gesamtbauzeit von etwa drei bis fünf Jahren.

Das Einfahren der Arbeitskräfte in den Brunnenschacht erfolgte meistens – wie im Bergbau – über sog. Leiterfahrten. Vergleichbar den Bergwerksschächten gab es auch während der Bauphase von Brunnenausschachtungen überwiegend eine strikte Trennung zwischen Fördertrum und Fahrtentrum und somit eine Unterteilung des Schachtes in die Zone, in welcher das von den Hauern ausgebrochene Gestein nach oben gefördert wurde und der Auf- und Abstiegszone der Arbeitskräfte.

Paarweise auftretende, annähernd quadratische Rüstlöcher im anstehenden Fels der E' Schachtwand des Tiefen Brunnen der Nürnberger Kaiserburg. Foto: Florian Huber/Kiel.

Die Auflageflächen für die hierzu benötigten Gerüste für Arbeitsplattformen und Leiterverbindungen sind bis heute als Rüstlöcher in den Schächten vieler mittelalterlicher Brunnen erhalten geblieben. Diese Benennung (mhd. „rüsten“, ahd. „rusten“ geht auf das ahd. Substantiv „(h)rust“ = „Ausrüstung“ zurück. Hiervon leitet sich das Kollektiv "Gerüst", mhd. „gerüste“, ahd. „gi(h)rusti“ = „Aufbau“ ab (MACKENSEN 1985). Auch in der E’ Schachtwand des Tiefen Brunnen der Nürnberger Kaiserburg sind ab einer Teufe von 5,95 m unter GOK in regelmäßigen Abständen von rund drei Metern jeweils zwei annähernd quadratische Rüstlöcher im anstehenden Fels zu beobachten. Nach GLEUE (2008) waren diese Rüstlöcher während der Brunnenbauphase dadurch bedingt, dass während des gesamten Abteufens das Brunnengerüst keine untere Aufstandsfläche aufwies: Das Gerüst musste also über die seitlichen Löcher im anstehenden Gestein verkeilt und entsprechend der Arbeitsfortschritte nach unten hin verlängert werden.

Zur Ausschachtung eines tiefen Brunnenschachts wie auf der Nürnberger Burg war eine hinreichend leistungsfähige Bewetterung notwendig. Da während der Baumaßnahmen in der Tiefe des Schachtes mehrere Arbeiter im Schein ihrer Grubenlampen tätig waren, wurde durch die Atmung und durch die Verbrennung ständig Kohlendioxid (CO2) erzeugt: Dieses farb- und geruchslose Spurengas ist schwerer als Luft und reichert sich somit in morphologischen Senken oder eben am Schachtgrund an.

Der Kohlendioxidgehalt in der Atemluft kann bei höheren Konzentrationen für Mensch und Tier lebensgefährlich wirken. Für die vorindustrielle Zeit wird der natürlich vorkommende Kohlendioxid-Anteil in der Erdatmosphäre auf rund 0,029 Volumenprozent geschätzt; erst vom Jahre 1850 ab erhöhte sich der CO2-Anteil in der Luft auf den aktuellen Wert von ca. 0,039 Volumenprozent. Bei Menschen liegt die Behaglichkeitsgrenze bei 0,15 Vol.-% CO2. Ein Kohlendioxid-Gehalt der Luft von 4,0 Vol.-% bewirkt bei Menschen Kopfschmerzen und zunehmende Atembeschwerden. Bei einem CO2-Gehalt von 8,0 Vol.-% treten Lähmungserscheinungen auf. Bei 10 Vol.-% CO2 in der Luft verlöscht eine brennende Kerze; ein derart hoher Kohlendioxid-Gehalt in der Luft wirkt bei längerer Einatmung tödlich. Eine  CO2-Konzentration von 20 Vol.-% bedingt bereits bei kurzzeitiger Einatmung den Tod.

Diese Problematik war auch AGRICOLA (1556: 91) bekannt: “Die Häuer können in solchen Grubenräumen die Arbeit nicht lange aushalten ... oder wenn sie es ertragen, so können sie nicht frei atmen und haben Kopfweh. Dies tritt umso mehr ein, wenn sie in solchen Bauen in großer Zahl arbeiten und viele Grubenlampen verwenden, die dann eben auch nur ein mattes Licht geben; denn die Dünste, die sowohl die Lampen als auch die Menschen von sich geben, machen die Wetter noch schlechter.”

Zur Bewetterung eines im Bau befindlichen, mäßig tiefen Brunnenschachts kamen im Mittelalter Blasbalg und Lutte zum Einsatz. Die Anwendung einer derartigen Belüftungsapparatur beschreibt AGRICOLA (1556: 179): ... saugt der Blasebalg, wenn sein Mundstück mit der Lutte in Verbindung steht, frische Luft in sich hinein, wenn aber die Öffnung der Luttesein Windloch umschließt, saugt er noch aus einem Schachte von 120 Fuß (entspr. 34 m) die schweren und schädlichen Wetter durch die Lutte.”

Künstliche Bewetterung eines abgeteuften Schachtes; n. AGRICOLA (1556).

Der Tiefe Brunnen auf der Nürnberger Kaiserburg konnte mit Hilfe des Blasbalgs –  gemäß den Ausführungen AGRICOLA’s – während seiner Bauphase nur bis etwa zwei Drittel seiner Gesamtteufe bewettert werden. Somit kam vermutlich im unteren Drittel des Brunnenschachtes zur Frischluftversorgung ein weiteres altes Belüftungsverfahren zum Einsatz. Hierbei wurde zunächst in der Mitte des bereits abgeteuften Brunnenschachtes eine hölzerne Trennwand bis wenige Meter über der Schachtsohle eingebaut; die Ritzen der Holztrennwand mussten mit Pech und Stroh möglichst luftundurchlässig abgedichtet werden. Über den einen Teil des somit geschaffenen Kamins wurde dann auf einen Gitterrost eine Feuerstelle entzündet, welche ihre Luftzufuhr von unten aus den Brunnenschacht bezog. Aufgrund der hierdurch bedingten Sogwirkung strömte beständig Frischluft durch den gegenüberliegenden Kamin nach unten bis zum Schachtgrund, versorgte die Arbeiter mit frischem Sauerstoff und entfernte die erhöhten Kohlendioxidkonzentrationen.


* Dr. A. Baier, last update: Montag, 09. September 2013 14:42

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