Zur Geschichte des Silbersees und Silberbucks


Der im Südosten von Nürnberg gelegene Silbersee stellt das letzte sichtbare Relikt der bisher größten Baugrube im Nürnberger Raum dar, nämlich den Ausschachtungen für das projektierte "Deutsche Stadion" im ehemaligen Reichsparteitagsgelände. Hier sollte zur Zeit des "Dritten Reiches" das "größte Sportstadion der Welt" mit seiner riesigen Grundfläche von etwa 350.000 m insgesamt 405.000 Zuschauer für die geplanten nationalsozialistischen Kampfspiele aufnehmen.

Die Abmessungen des -- von Albert SPEER entworfenen -- hufeisenförmigen Bauwerkes waren bewußt dahingehend angelegt, alle bislang bekannten Dimensionen zu sprengen: Das Stadion wäre 800 Meter lang, 450 Meter breit und über 100 Meter hoch und somit höher als die Nürnberger Lorenzkirche und um ein Vielfaches größer als das Olympiastadion in Berlin geworden. Der umbaute Raum hätte mit 8,5 Mio. Kubikmetern etwa das Dreifache der Cheopspyramide betragen.

Der geplante Grundriß und die Fassadengestaltung des "Deutschen Stadions" orientierten sich an dem antike Olympiastadion in Athen. Ausgehend von dem 380 Meter langen und 150 Meter breiten Spielfeld waren die bis 100 Meter hohen Tribünen, abgestuft in fünf große Ränge, geplant. Die Tribünen sollten an der Außenfassade in einer, in mächtigen Pfeilern aufgelösten Wand eingefasst werden. Für die Verkleidung der Außenwände waren 350.000 m rötliche Granitquader und für die Zuschauertribünen über 400.000 m weißgraue Granitquader vorgesehen.

Zwischen dem "Deutschen Stadion" und der -- bei Kriegsbeginn bereits weitgehend fertiggestellten -- "Großen Straße" sollte weiterhin ein 180 x 360 Meter großer, mit Granitplatten gepflasterter und von Säulenhallen umgebener Vorhof erstellt werden. Dieser Vorhof hätte mit einer 150 Meter langen Ehrentribüne unmittelbar an die "Große Straße" angeschlossen.

Die Grundsteinlegung für die riesige Arena des "Deutschen Stations" fand am 09. September 1937 statt. Die Fertigstellung des Bauvorhabens war bis zum Herbst 1945 geplant. Aufgrund des Ausbruches des Zweiten Weltkrieges kam das gigantische Bauprojekt jedoch nicht über die Ausschachtung der Baugrube und die Vorbereitung des Baugrundes hinaus.

"Deutsches Stadion" / heutiger Silbersee u. Silberbuck

Die Baugrube des Deutschen Stadions war im Jahre 1944 in den Nordostenden mit einer Tiefe von ca. 10 Metern bereits weitgehend fertiggestellt, während im Südwestrondell noch eine Einfahrtschräge für Lastkraftwagen und somit eine geringere Aushubtiefe bestand. Rings um die Fundamentausschachtung bestanden umfangreiche Bahngleisanlagen, Entladestationen sowie Versorgungsgebäude. Unmittelbar östlich an die Baugrube anschließend war bereits vor Kriegsbeginn ein großer Fußgängertunnel unter der "Großen Straße" angelegt worden, welcher in den Nachkriegsjahren zugeschüttet wurde.

Baugrube "Deutsches Stadion"

Bedingt durch das im gesamten Dutzendteichgebiet sehr oberflächennah anstehende Grundwasser wurde in der hufeisenförmigen Baugrube bis zum Beginn des Jahres 1945 eine Grundwasserhaltung betrieben, welche mit dem Kriegsende eingestellt wurde. Die riesige Fundamentausschachtung füllte sich in der Folgezeit mit Grundwasser und es entstand der Silbersee als sechste und jüngste Wasserfläche im Dutzendteichgebiet.

In den Nachkriegsjahren wurde in der -- mittlerweile zu einem großen, hufeisenförmigen See gewordenen -- ehemaligen Baugrube die zentrale Nürnberger Schuttdeponie eingerichtet. Hier wurden (ohne Basisabdichtung oder sonstige Sicherungsmaßnahmen) vom Stadtreinigungsamt und vom Amt für Räumung und Baustoffgewinnung der Stadt Nürnberg, von Privatpersonen und von Industriebetrieben im Zeitraum 1946 bis Ende 1962 erhebliche Mengen von Hausmüll sowie von teils kritischen Industrieabfällen abgelagert. Weiterhin wurde in unmittelbarer Nachbarschaft der Deponie Ende der Vierziger Jahre durch die US-Armee ein ausgedehntes Treibstofflager zur Versorgung ihrer Streitkräfte eingerichtet; dieses Tanklager befand sich südlich der Baugrube im Gebiet der heutigen "NürnbergMesse".

Die in der Deponie abgelagerten Industrieabfälle waren beispielsweise Abbrände von Maschinenölen und Industrielacken, von Kraftstoffen und Ölen, von organischen Lösungsmitteln, von Industrieölen, weiterhin Kabelisolierungen, Zelluloserückstände, Magnesiumspäne, Säureharze und Kampfstoffe des Zweiten Weltkrieges (ASN 1999). Darüber hinaus kamen Rückstände aus der Metallverarbeitung, aus der Pflanzenschutz-, Gaserzeugungs-, Mineralöl- und Pharmaindustrie sowie Neuralisierungsgut, Beizschlämme und radioaktive Abfälle zur Deponierung. Schließlich wurden auch der umfangreiche Trümmerschutt der im Weltkrieg stark zerstörten Stadt Nürnberg, Abbruchmaterialien und andere, anderweitig nicht entsorgbare Stoffe abgelagert. Der überwiegende Anteil dieser Materialien besitzt nach heutiger Einschätzung Sondermüllcharakter.

Deponie Bauernfeindstraße 1950

In den beiden Nachkriegsjahrzehnten erhob die Stadt Nürnberg -- um wilden Deponien im Umland vorzubeugen -- für die Schutt- und Müllentsorgung am Silbersee keine Benutzungsgebühren. Infolge dessen fuhren täglich etwa 300 bis 400 Lastwagen die -- in den Nachkriegsjahren als "Schuttberg an der Bauernfeindstraße" benannte -- Müllkippe an. In den Fünfziger Jahren wurden in dieser Deponie 75% des gesamten Hausmülls und 100 % des Industriemülls der Stadt Nürnberg abgelagert bzw. verbrannt.

Die Auffüllung der bis 10 m tiefen Fundamentausschachtung des "Deutschen Stadions" mit Deponiegut begann im südwestlichen und im südöstlichen Teil der hufeisenförmigen Baugrube. Hier wurde ab 1946 v.a. der südöstliche Teil mit Bauschutt und Industriemüll verfüllt, wobei der Niveauausgleich mit der natürlichen Geländeoberfläche im Oktober 1951 erreicht wurde. Ab dem November 1951 begann man, die Hochdeponie des heutigen Silberbucks zu errichten. Im südwestlichen Teil kam überwiegend normaler Hausmüll zur Ablagerung, während der südöstliche Bereich weiterhin zur Deponierung von Industriemüll genutzt wurde. Anfang der Sechziger Jahre war die Hochdeponie so umfangreich geworden, daß zwei große Müllkörper im nördlichen Teil der grundwassergefluteten Fundamentgrube (dem heutigen Silbersee) zur Ablagerung kamen.

Bis zum Jahre 1962 entstand letztlich im südlichen Hufeisenteil der Baugrube der heutige Silberbuck, während im nördlichen Hufeisenteil die Grundwasserblänke des Silbersees das letzte sichtbare Rudiment der Fundamentausschachtung darstellt. Die Deponie Silberbuck wurde nicht abgedichtet und stand bereits damals mit ihrer Basis ständig im Grundwasser. Neben den laufenden Deponierungsmaßnahmen wurde bereits im Jahre 1955 damit begonnen, einen Teil des Deponiekörpers des Silberbucks mit einer etwa 0,5 m mächtigen Humusschicht zu überdecken und -- am "Tag des Baumes 1955" -- unter tatkräftiger Mithilfe von Schulklassen zu begrünen. Der heute gänzlich wiederaufgeforstete Silberbuck dient nunmehr als Aussichtsberg.

Begrünung Silberbuck 1955

Die Nachbarschaft der Grundwasserblänke des Silbersees zur benachbarten Deponie Silberbuck erwies sich rasch als äußerst brisant. Unter der Deponie wird das Grundwasser stark mit Sulfat angereichert, welches im Abstrom mikrobiell zu Sulfit reduziert wird. Durch den Schadstoffeintrag aus der Deponie kam es in der Vergangenheit und kommt es noch heute im Silbersee unter anaeroben Bedingungen zu umfangreichen Abbauprozessen: Vor allem das vom Grundwasser im Deponiekörper ausgewaschene und in den Silbersee verfrachtete Sulfat und Sulfit wird -- unter den sauerstoffarmen Bedingungen im Abstrom der Deponie -- zum toxischen Schwefelwasserstoff (Sulfid) umgewandelt.

Warnschild ca. 1958

NN 10.05.2006 Der bis ca. 10 m tiefe Silbersee ist noch heute -- meist unterhalb der Sprungschicht im sauerstoffarmen Hypolimnion -- mit Schwefelwasserstoff (H2S) stark belastet. Dringt das  H2S-haltige Tiefenwasser infolge von Umwälzungsprozessen in das meist sauerstoffreiche, vergleichsweise unbelastete Epilimnion vor, laufen badende Menschen aufgrund der lähmenden Wirkung des Schwefelwasserstoffes Gefahr zu ertrinken.

Polizeisuche nach Ertrunkenen 1951

Schwefelwasserstoff ist ein stark giftiges Gas, das in leichter Konzentration nach verwesenden Eiern riecht und bei höheren Lebewesen einen Fluchtreflex auslöst. H2S wirkt als Kontakt- und Nervengift und wird über Haut und Atmung aufgenommen. In starker Konzentration lähmt es erst die Geruchsnerven, dann tritt eine Lähmung des zentralen Nervensystems ein und am Ende versagt die Atmung. Das Gift entsteht hauptsächlich entweder durch die Zersetzung von Eiweiß durch Bakterien oder durch bakterielle Reduktion von Sulfat über Sulfit zum Sulfid. Bei sehr starker H2S-Konzentration reicht beim Menschen ein Atemzug, um einen Ohnmachtsanfall auszulösen.

Ein in den Fünziger Jahren am Silbersee geplantes Freibad scheiterte an den Altlasten im benachbarten Silberbuck. Die Häufung von Todesfällen der im Silbersee badenden Menschen machte die Stadt Nürnberg erst darauf aufmerksam, daß dieses Gewässer als Freibad nicht geeignet war (ASN 1999). Insgesamt kamen seit Kriegsende im Silbersee 45 Menschen zu Tode (WILL 2000). Aufgrund der potentiellen Lebensgefährdung besteht im Silbersee seit Jahrzehnten ein gesetzliches Badeverbot, welches jedoch in jüngerer Vergangenheit zunehmend geringe Beachtung findet.

Um im Silbersee die hohe Schwefelwasserstoffproduktion herabzusetzen, wurde im Jahre 1985 an der tiefsten Stelle des Sees eine Belüftungsanlage installiert. Die künstliche Wasserbelüftung sollte zu einer Zwangszirkulation führen, durch welche die obersten Bereiche der Seesedimente oxidiert werden und somit eine Barriere für anoxische Spezies geschaffen wird (BRAMKAMP & PEIFFER 1995). Mit dem Beginn der Tiefenbelüftung im April 1985 konnte das Auftreten von Schwefelwasserstoff über dem Seegrund nicht vollständig verhindert werden: Zwar wurde zunächst ein nahezu vollständiger Abbau des im Hypolimnion vorherrschenden Schwefelwasserstoffes registriert, ab dem Jahre 1990 traten jedoch wieder zunehmende Schwefelwasserstoffgehalte im Tiefenwasser auf.

Belüftungsanlage Silbersee


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* last Update: Dienstag, 03. April 2012 14:41