Montangeschichte

In Süddeutschland gibt es zahlreiche Eisenerzlagerstätten unterschiedlicher Entstehung und Größenordnung. Ihre Aufsuchung und Nutzung durch die Menschen geht teilweise bis in die vorgeschichtlichen Zeiten zurück. So wurde auch in Nordostbayern seit der Zeit der Kelten Eisen gewonnen aus Eisenerzen, welche in den kreidezeitlichen Sedimenten auftreten. Diese Kreideablagerungen und deren unterste Schichten (die "Erzformation" des Cenomans) bedecken zum Teil flächenhaft, überwiegend jedoch nur in inselförmigen Resten oder als Hohlraumfüllungen große Gebiete der Frankenalb. Sie überlagern und füllen das -- in der Unterkreidezeit stark verkarstete -- Relief der Malmoberfläche aus.

Bohnerze; Eichstätt Bohnerze; Raitenbuch

In vorgeschichtlicher und in geschichtlicher Zeit lieferten die zahllosen kleinen, oberflächennah gelegenen Erznester einen wesentlichen Anteil des damals verarbeiteten Eisens. In der Oberpfalz -- hier insbesondere im Raum Sulzbach/Rosenberg-Amberg -- bestanden über viele Jahrhunderte eine Vielzahl von kleinen Abbaustellen auf Eisenerz und Farberden, welche oftmals durch bäuerliche Kleinstunternehmer betrieben wurden. Im 20. Jahrhundert wurden die auf der Malmoberfläche in kleinen Karstwannen anstehenden Erze jedoch nicht mehr zur Erzgewinnung, sondern nur noch als "Farberden" abgebaut (GUDDEN 1975).

Abbauschacht auf "Ocker-Farberde"

Die oberflächennahe Gewinnung und der Bergbau auf Eisenerz ist in Süddeutschland seit dem Mittelalter auch urkundlich belegt. Im Raum Sulzbach-Amberg wurde dieser Eisenerzbergbau seit mehr als 1000 Jahren sehr intensiv betrieben. Aufgrund ihrer Bedeutung verlieh Kaiser Friedrich Barbarossa der Stadt Amberg bereits im Jahre 1163 Zollfreiheit für das gesamte Reich. Nicht wesentlich jünger ist der 1305 urkundlich belegte Abbau in der Stadt Sulzbach/Rosenberg, welche ihren Aufstieg und Reichtum ebenfalls dem Bergbau auf die Eisenerze der Kreidezeit verdankt. In dieser Zeit traten die beiden Städte infolge ihrer reichen Eisenerzlagerstätten in den Mittelpunkt der eisenverarbeitenden Industrie. Kaiser Karl IV. erlaubte 1359 der Stadt Sulzbach, in ihrem gesamten Gebiet Berkwerke zu eröffnen und gewährte der Stadt viele Zollfreiheiten.

Im 14. und 15. Jahrhundert versorgte der Oberpfälzer Eisenerzbergbau etwa 300 Hütten- und Hammerwerke. So lieferten die "Erzgraber" aus dem Sulzbacher Raum beispielsweise die Eisenerze für die Hämmer an der oberen Pegnitz; die Gründe hierfür waren in den niedrigen Einkaufskosten und der geringeren Härte der Oberpfälzer Erze im Vergleich zu den Auerbacher Erzen bedingt.

Aus jener Zeit begründete sich der Ruf der Oberpfalz als das "Ruhrgebiet des Mittelalters". Im 14. und 15. Jahrhundert war auch der rasante politische Aufstieg und die stark anwachsende wirtschaftliche Bedeutung der ehemaligen Freien Reichsstadt Nürnberg eng mit dem Oberpfälzer Eisenerzbergbau verknüpft: In Nürnberg entstand besonders durch die Verarbeitung dieser Eisenerze ein stark expandierendes und hochspezialisiertes Metallhandwerk, welches hauptsächlich hochwertige Waffen und Rüstungen für stets mehr und immer entferntere Absatzmärkte erzeugte.

Generell hatten die süddeutschen Eisenerze während vieler Jahrhunderte eine weitreichende Bedeutung. So wurden die Amberg-Sulzbacher Erze auch per Schiff auf der Vils, Naab und Donau über das Schwarze Meer bis in den Mittelmeerraum transportiert und sollen dort zur Herstellung der bekannten Damaszener-Schwerter verarbeitet worden sein (SIMON 1975). Der Dreissigjährige Krieg beendete diese hoffnungsvolle Entwicklung jedoch weitgehend. Erst im ausgehenden 17. und im 18. Jahrhundert vollzog sich ein langsamer Wiederaufstieg des Bergbaus unter ständig wachsender Besitz- und Gewinnbeteiligung der bayerischen Kurfürsten (GUDDEN 1975).

Mit dem im 19. Jahrhundert in Bayern forciert vorangetriebenen Eisenbahnbau und den damit verbundenen Eisenerzbedarf blühte der Bergbau wieder sehr stark auf (GUDDEN 1975). Aus den bislang nur regional bedeutsamen Abbaubetrieben entwickelten sich im Sulzbach/Rosenberger Raum 1853 die "Eisenwerk-Gesellschaft Maximilianshütte" sowie in Amberg das staatliche Berg- und Hüttenwerk (welches im Jahre 1911 in "Luitpoldhütte Amberg" umbenannt wurde). In Rosenberg wurde 1864 der erste Kohlehochofen gebaut (KAULICH et al. 2000); im Anschluß daran wuchs die Erzgewinnung und -verhüttung beständig an.

Im 20. Jahrhundert durchlitt der Oberpfälzer Eisenbergbau eine sehr wechselvolle Geschichte. In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war der Abbau in den süddeutschen Eisenerzgruben bedeutend zur Erzversorgung der Hochöfen an Rhein und Ruhr sowie im österreichischen Linz/Donau. Diese letzte Blütezeit des deutschen Eisenerzbergbaus war bedingt durch den verlorenen I. Weltkrieg: Verursacht durch die Abtretung der Lothringer Minettevorkommen an Frankreich begann man im Deutschen Reich mit dem verstärkten Ausbau bestehender Erzbergwerke und der Errichtung neuer Eisenerzgruben. Zu dieser Zeit wurden Eisenerze aus Süddeutschland zur Verhüttung mit der Bahn bis nach Oberschlesien verbracht (SIMON 1975).

Im "Dritten Reich" wurde -- aufgrund der damals von der Administration verstärkt vorangetriebenen wirtschaftlichen Autonomiebestrebungen -- die deutsche Eisenerzförderung besonders gefördert. So betrug im Jahre 1940 die Roherzförderung im Deutschen Reich 17 Mio. t, wovon 4,7 Mio. t auf 10 süddeutsche Grubenbetriebe entfielen. Nach dem verlorenen II. Weltkrieg war man in Deutschland -- bedingt durch das Einfuhrverbot und den generellen Mangel an Eisenerzen -- abermals bestrebt, die deutschen Gruben rasch wieder in Betrieb zu nehmen und die Erzförderung zu steigern. So konnten im Jahre 1950 in der jungen Bundesrepublik Deutschland bereits 10,9 t Roherz mit einem Eisengehalt von rund 2,9 Mio. t gefördert werden; bis 1961 steigerte sich die Eisenerzgewinnungauf 18,9 Mio. t Roherz mit einem Eisengehalt von rund 5 Mio. t (SIMON 1975).

Bereits im Zeitraum von 1950 bis 1960 nahm jedoch in den deutschen Hüttenwerken die Verhüttung einheimischer Erze um etwa die Hälfte ab. So verwendeten die Ruhrwerke damals einheimische Erze fast nur noch als Zuschlagstoff. Auch war am Ende der Fünfziger Jahre in Amberg die bereits seit Jahrhunderten abgebaute Eisenerzlagerstätte im Erzberg weitgehend ausgebeutet. In Sulzbach/Rosenberg wurden deshalb bis 1959 die Eisenerze verstärkt abgebaut. Diesen beschleunigten Abbau folgte der zwangsläufig starke Rückgang der Erzförderung, welche schließlich im Jahre 1974 auf der Schachtanlage St. Anna in Sulzbach und 1977 auf der Schachtanlage Eichelberg eingestellt wurde (PFEUFER 2000).

Förderturm St. Anna

Die deutsche Erzversorgung beruhte in den Sechziger Jahren aus wirtschaftlichen Gründen nahezu hauptsächlich auf hochwertigen Importerzen: Diese in ausländischen Gruben und Tagebaubetrieben gewonnenen und bei geringen Frachtkosten auf den Seeweg transportierten Importerze waren vor allem im Ruhrgebiet wesentlich preisgünstiger als deutsche Erze; weiterhin erlaubten der höhere Eisengehalt und der geringe Anteil an Schlackenbildnern einen niedrigeren Energieeinsatz bei höherem Eisengewinn (SIMON 1975). Hierdurch bedingt war bereits seit Ende der Fünfziger Jahre ein starker Rückgang der deutschen Roherzförderung zu verzeichnen: Allein bis 1970 wurden 40 Eisenerzgruben stillgelegt.

Ab den Siebziger Jahren versorgte der verbleibende süddeutsche Eisenerzbergbau nurmehr die lokale Hüttenindustrie. Der Versand der Erze in das Ruhrgebiet und nach Österreich wurde aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. So wurden im Jahre 1971 aus den letzten beiden süddeutschen Gruben in Auerbach/Opf. und in Sulzbach/Rosenberg rund 770.000 t Braun- und Weiseisenerze gefördert; im Jahre 1972 sank die Förderung auf 625.000 t Erz, was einen Anteil von 10 % der Roherzgewinnung in der damaligen Bundesrepublik Deutschland entsprach (SIMON 1975). Ab dem Ende der Siebziger Jahre griff die Maxhütte auf Alteisen und ausländische Erze zurück und war in den Folgejahren permanent von der vollständigen Schließung bedroht.

In Sulzbach waren bis zur Stillegung der Annaschachtanlage im Jahre 1974 über 20 Millionen Tonnen Eisenerz abgebaut worden; am Eichelberg ging der Abbau noch bis in das Jahr 1977 weiter (KAULICH et al. 2000). Die in Sulzbach geförderten Eisenerze wurden -- zusammen mit den Erzen von Auerbach/Opf. -- ausschließlich in den 6 Hochhöfen der Maxhütte als Roherz eingesetzt und somit unaufbereitet zu Roheisen verschmolzen (OULEHLA 1969).

Die Amberger Luitpoldhütte AG musste 1964 den -- insgesamt wohl tausendjährigen -- Bergbau wegen Erschöpfung der Lagerstätte aufgeben. Die Menge des bis zu diesem Zeitpunkt abgebauten Eisenerzes wird auf 13 Millionen Tonnen geschätzt (KAULICH et al. 2000). In den Sechziger Jahren wurde dann auch die Verhüttung der Erze in der Luitpoldhütte eingestellt.

Die Eisenwerk-Gesellschaft Maximilianshütte mbH baute in Auerbach/Opf. noch bis 1987 Eisenerze ab. Neben diesem von der Maxhütte betriebenen "Großbergbau" gab es bis in jüngste Vergangenheit immer noch vereinzelte kleine, meist saisonal betriebene Abbaubetriebe mit einer Belegschaft von 1-3 Personen, welche sich von ihren frühkeltischen Arbeits-Vorfahren wohl nur dadurch unterschieden, daß ihre Abbaue nunmehr einer bergbehördlichen Administration unterworfen waren (GUDDEN 1975).


* Dr. A. Baier; last update: Dienstag, 24. Februar 2009 01:27